Über die Entstehung des außergewöhnlichen Experimentalfilms "AX.APE"

March 5, 2017

 

Über die Entstehung eines ganz aussergewöhnlichen Experimental-Kurzfilms

 

Eine Film- bzw. Videoproduktion muss gut geplant sein und vorbereitet werden. Von der Idee bis hin zum fertigen Film ist es oft ein sehr umfangreicher und komplexer Prozess. Nur sehr selten wird etwas dem Zufall überlassen und die meisten Zuschauer ahnen nicht, welch großer Apparat im Vorfeld einer Produktion in Gang werden muss und welche Mühlen während der Produktion unentwegt mahlen. Dabei spielt die Größe der Produktion und das Budget eigentlich keine Rolle: Drehpläne müssen erstellt werden, die szenische Auflösung muss gut durchdacht und geplant sein und auch in allen anderen Punkten wie z.B. Technik, Aufbau, Maske, Kostüm, Ausstattung darf nichts dem Zufall überlassen werden. Zeitpläne müssen eingehalten werden, denn Zeit ist schließlich Geld. Auch ist bereits vor Drehbeginn schon weitestgehend klar, wie das Endprodukt aussieht (bzw. aussehen soll).

 

Vor knapp zwei Jahren habe ich mich auf ein spannendes Projekt eingelassen, das eigentlich auch als Experiment bezeichnet werden könnte, in dem all die oben stehenden Regeln bewusst gebrochen, bzw. nicht beachtet werden. Eine Musikvideo-Produktion ohne Drehplan und ohne Musik oder kurz: Ohne überhaupt einen Plan. Ist das möglich?

 

Ein befreundeter Musiker sprach mich an, ob ich nicht Lust hätte, ein Musikvideo für seine Band zu produzieren. Wir kamen ins Gespräch und schnell wurde mir klar, dass es kein gewöhnliches Musikvideo werden sollte. Das Berliner Musik-Duo "Ax Ape" beschreibt seine Musik als „Contemporary Soundscapes“, es verspricht also, zeitgenössisch zu werden. Eine Mischung aus Elektronischer Musik, gepaart mit Saxofon (Chris Gertges) und Gitarre (Nino Ruggieri). Des Öfteren spielen Ax Ape auch mit anderen Musikern zusammen oder sie holen sich für bestimmte Events auch eine Tänzerin (Ichi Go) an Bord.

 

 

(Zum Vergrößern anklicken!)

 

 

Die Ausgangssituation war nun die, ein Musikvideo für zeitgenössische, elektronische Musik und eine Tänzerin zu produzieren. So weit, so gut... doch der springende Punkt war: Weder existierte zum damaligen Zeitpunkt die Musik, noch eine Choreographie.

 

Fest stand: Es soll eine Tanzvideo werden, mit Ichi Go in der Hauptrolle, die beiden Musiker Chris und Nino sollten sich eher zurückhalten und nur als stille "Beobachter" im Hintergrund zu sehen sein. Da ich einige Monate zuvor ein kommerzielles Tanz-Musikvideo produziert hatte, war ich in Sachen Tanz-Performances in Musikvideos schon etwas erfahren und wusste, welche Kameraeinstellungen und welchen Look ich gerne hätte. Immerhin! Zugegeben: So ganz ohne Plan waren wir nicht, wir wussten, dass es zwei Ebenen im Video geben soll: Eine Tanzebene in einer Berliner Altbauwohnung und die andere Ebene in einem schwarzen Studio-Setting. Jeweils ein Drehtag.

 

Der erste Drehtag war bei mir im Studio. Die Tänzerin Ichi Go kam ans Set und noch wusste keiner von uns, wie wir das alles angehen sollen, es gab keinen konkreten Musik-Track. Also haben wir uns zunächst kurz zusammengesetzt, einen Kaffee getrunken und die ersten Aufnahmen besprochen. Die Musiker von Ax Ape und ich haben uns soweit festgelegt, dass die Musik parallel zum Schnitt entstehen soll. Ich fand diesen Ansatz sehr interessant, da man sowohl durch den Schnitt, als auch durch die Musik die Stimmung und auch die eigentliche Story eines Filmes (bzw. eines Musikvideos) maßgeblich beeinflussen kann. Wo sollte also die Reise hingehen? Was kommt am Ende hierbei raus? Wird das Material brauchbar sein? Oder wird es einfach nur eine zeitintensive Erfahrung mit audiovisueller Makulatur? Wir werden sehen...

 

AX.APE - TRAILER (2016)

 

 

 

Wie haben wir das angestellt?

 

Ichi Go hatte absolut freien Spielraum, sie hat zu unterschiedlicher Musik mit zwei Outfits im Studiosetting getanzt, bereits beim Dreh war zumindest klar, dass es optisch super aussehen wird. Zum einen hatte Sie einen sehr auffälligen roten Kimono an und als Kontrast noch ein weißes Outfit, dass zusammen mit dem weiß geschminkten Gesicht sehr an den traditionellen japanischen Butoh-Tanz erinnert. Ähnlich verhielt es sich in der zweiten Ebene, in der Wohnung. Wir haben in einer Berliner Altbauwohnung gedreht, in der alle Räume miteinander verbunden waren. Während des Drehs haben wir schon festgestellt, dass sich eine große Gegensätzlichkeit beider Ebenen abgezeichnet hat. Das schwarze Studio-Setting wirkte sehr bedrohlich, die Wohnungs-Ebene hingegen wirkte zwar immer noch irgendwie mystisch, dennoch viel leichter und lebendiger. Schon während ihrer Performance hatte ich einige konkrete Bilder des finalen Videos vor Augen.

 

Wie bereits erwähnt, ist der Schnitt parallel mit der Musik entstanden. Die Musik wurde dem Schnitt angepasst und umgekehrt. Zugegeben: Dies war teilweise sehr mühsam und zeitaufwändig, da der Workflow recht kompliziert war, doch war es auch eine super interessante Erfahrung.

 

Schnell hat sich abgezeichnet, dass das entstandene Filmmaterial weitaus mehr Potenzial hat, um als vierminütiges Musikvideo zu enden. Vielmehr entfällt durch die eher zeitgenössische Musikrichtung schon automatisch die Möglichkeit, dass das Video auf Plattformen oder Filmfestivals als Musikvideo gelistet werden könnte. Für mich war während der Postproduktion recht schnell klar, dass das Projekt Ax Ape eher ein Experimental-Kurzfilm wird. Der Titel des Films? Ganz klar und ohne Zweifel: AX.APE, der Name der Band (und irgendwie auch ein super Name für ein Experimental-Kurzfilm).

 

Die Postproduktion war eine sehr spannende Phase. Wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch keinerlei Plan existierte und die Story des Films erst im Schnitt entstanden ist. Auf die Story möchte ich in diesem Blogartikel nicht weiter im Detail eingehen. Nur soviel: Wir bewegen uns in zwei verschiedenen (Traum-) Welten, wobei nie so ganz klar ist, welche der beiden Welten nun "echt" ist und welche nicht. Der Zuschauer ist Teil der Performance, wird entführt in die verschiedenen (Traum-) Welten, wenn er es denn zulässt.

 

Wie auch schon in allen Phasen der Produktion, bleibt auch dem Zuschauer sehr viel Spielraum. Es gibt sehr wohl einen Handlungsstrang in AX.APE, aber auch unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten. So wurde der Film sehr unterschiedlich wahrgenommen und verstanden. Es gibt nichts zu verstehen in der Aussage und der Handlung von AX.APE. Genau das ist der Vorteil in einer experimentellen und expressiven Kunstform. Ähnlich wie bei einem abstrakten Gemälde oder einer schönen Blume: Man muss es nicht verstehen. Es muss sich nicht erklären, denn sonst wäre es nicht mehr einzigartig, sondern eine gefällige Reproduktion dessen, was die Leute erwarten oder gerne sehen möchten. Es ist einfach da, man schaut es sich an und man kann vieles darin lesen, es gefällt dem Betrachter oder es gefällt eben nicht. Der eine spürt eine Verbindung dazu, der andere nicht. 

 

An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich für die tolle Zusammenarbeit bedanken:

 

Chris Gertges und Nino Ruggieri (Duo Ax Ape) für die Musik, Ichi Go für ihre großartige Tanzperformance und Florian Sailer für den konzeptionellen Support.

 

Überraschende Erfolge auf internationalen Filmfestivals

 

Nach der Fertigstellung habe ich AX.APE auf diversen internationalen Filmfestivals eingereicht. So können sich heute alle Beteiligten nicht nur über "Official Selections" (also offiziell für das Festival ausgewählt) freuen, sondern sogar auch über einige internationale Filmpreise:

 

Filmpreise 2016:

 

Best Direction Award (Preis für die beste Regie), F.A.D.-Festival, North Carolina, USA

 

Best Experimental of the Month (Bester Experimentalfilm des Monats), 12 Months Film Festival, Rumänien 

 

Best Trailer of the Month (Bester Trailer des Monats), 12 Months Film Festival, Rumänien

 

Nominee - Experimental of the Month (nominiert für den Award Bester Experimantalfilm des Monats), TMFF, Glasgow, England

 

Best International Experimental Short (Bester Internationaler Experimental-Kurzfilm), Texas Ultimate Shorts, USA

 

Audience Choice Award (2nd) (Publikumspreis 2 Platz), 12 Months Film Festival, Rumänien

 

Official Selections 2016:

 

Experimental Superstars, Serbien

 

Los Angeles Cinefest, USA

 

Barcelona Planet Festival, Spanien

 

 

Hier der fertige Film! Viel Spaß beim Anschauen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Please reload

Featured Posts

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Recent Posts